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Wie war es, als die Grünen in den Bundestag einzogen? Oder später regierten? Diese und andere prägende Meilensteine der Grünen Chronik werden hier in 30 Geschichten anlässlich unseres 30. Geburtstags in Erinnerung gerufen.

Karl Kerschgens zog 1982 in den Hessischen Landtag ein und wurde 1985 unter Joschka Fischer Staatssekretär im Umweltministerium. Im Interview erzählt der 70-Jährige davon, wie es war, jetzt Politik in einem Parlament und nicht mehr auf der Straße machen zu können.
Sie waren bei der Gründung der Grünen am 13. Januar 1980 dabei. Haben Sie damals schon gespürt, dass die Partei jetzt ihren Weg machen wird?
Karl Kerschgens: Das war vorher schon klar, als zum ersten Mal ein gemeinsamer Wille in den verschiedenen Richtungen spürbar wurde. Versuche, eine Partei zu gründen, hatte es nach dem Krieg ja schon mehrere gegeben. Aber es war bei der Zersplitterung geblieben. Wir traten in Hessen 1977/78 schon mit mehreren Gruppen zur Wahl an und scheiterten. Aber jetzt entschieden sich eben alle, ihren konservativen, christlichen oder linken Hintergrund zur Seite zu schieben und an einem Strang zu ziehen.
Also zählte jetzt nicht mehr der eigene Idealismus, sondern man wollte gemeinsam in den Parlamenten Politik machen?
Da gab es verschiedene Richtungen. Es gab diejenigen, die mehr an eine starke Bewegung dachten und das Parteiwerden abgelehnt haben. Diese Leute wollten nur jene Möglichkeiten nutzen, bei denen man nicht als Partei antreten musste. Das war etwa in Hessen und bei der Europawahl 1979 so. Aber dann kam die Frage auf: Was machen wir mit dem Bundestag? Da musste man ja als Partei antreten. Es folgte lange Zeit ein Hin und Her und Petra Kelly sagte: Wir sind die Anti-Parteien-Partei. (lacht) Es war im Grunde genommen ein Versteckspiel. Aber die Gruppe, die sich in Karlsruhe traf, war sich schließlich einig, dass sie eine Partei gründet, weil sie in den Bundestag einziehen will.
Sie selbst zogen dann 1982 in den Hessischen Landtag ein. Wie war das dann, in einem Parlament Politik machen zu können?
Das war ein Erfolgsgefühl nach den herben Niederlagen. Auf der anderen Seite gab es auch ein großes Fragezeichen: Was machen wir jetzt? (lacht). Ich erinnere mich an Daniel Cohn-Bendit, der am Wahlabend sagte: Leute, jetzt müsst ihr Politik machen. Vorher waren wir auf der Straße, wir waren eine Protestpartei. Der Landtag wurde also zuerst auch wie ein Versammlungsort angesehen. Es ging zwar gewaltfrei zu, aber man hat eben nicht überlegt, was man wir für konstruktive Beiträge bringen kann, sondern es ging darum, öffentlichkeitswirksam zu provozieren. Ich musste in dieser Zeit auch eine persönliche Niederlage einstecken, weil ein von mir maßgeblich ausgehandelter Antrag zum Waldsterben von der Fraktion kurzfristig wieder gekippt wurde. Das war die Zeit, in der die Grünen in der Landtagsfraktion keine eindeutige Linie hatten.
Haben sich die Grünen damit am Anfang auch etwas verbaut?
Naja, die Wahlperiode wurde ja vorzeitig abgebrochen und es endete in dem „Blutattentat“.
Was war das „Blutattentat?
Einer unserer Abgeordneten hat sich Blut besorgt und es dem Oberkommandierenden des 5. Amerikanischen Chors, das in Frankfurt stationiert war, bei einem Empfang über die Uniform gegossen. Als Zeichen dafür, dass die Amerikaner überall auf der Welt Krieg führen und dabei auch unschuldige Menschen umkommen. Da zeigte sich, dass wir nicht warten wollten, bis wir mühsam über Anträge oder Gesetzesentwürfe etwas erreichen können. Das war im Juli 1983. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht und es war Schluss mit der SPD.

Aber das Verhältnis zwischen Grünen und SPD war doch sowieso schon belastet. Der spätere Ministerpräsident Holger Börner wollte die Grünen ein paar Jahre zuvor mit einer Dachlatte verprügeln. Hat das nicht auch zu einem tiefen Graben geführt?
Das Zitat ist vor 1982 gefallen und wurde von der Presse hochgespielt. Er hat das in einer emotional stark aufgeladenen Situation gesagt, als es eine Versammlung, in der es um Atomenergie ging, gestört wurde. Bei dieser Aktion waren wohl auch Leute dabei, die später bei den Grünen waren. Holger Börner kam ja vom Bau und dann hat er eben gesagt: Auf dem Bau hätten wir so etwas mit der Dachlatte erledigt. Aber natürlich stand uns Börner überhaupt sehr skeptisch gegenüber. In der ersten, verkürzten Wahlperiode gab es mit ihm keinen Kontakt. Das entscheidende Signal für eine Zusammenarbeit kam schließlich von uns, als wir von 8 Prozent bei der Landtagswahl 1982 auf 5,9 Prozent 1983 abgesackt waren – ein Zeugnis für unsere unklare Linie. Auf einer Landesversammlung wurde mit meiner Hilfe ein Antrag für ein Verhandlungsangebot mit der SPD durchgebracht. Und im Vorstand und in der Fraktion der SPD gab es ja auch Leute, die nur mit uns eine Zukunft sahen. Alles andere hätte eine Große Koalition bedeutet und das wollte die SPD auf jeden Fall vermeiden.
Wann wurde die Zusammenarbeit zum ersten Mal konkreter?
Dieser Beschluss war im Oktober 1983. Es ging dann sehr schnell – innerhalb einer Woche war vereinbart, dass wir verhandeln. Wir forderten eine öffentliche Verhandlung mit Presse und jedem, der kommen wollte. (lacht) Der größte Sitzungssaal des Landtags reichte nicht für alle aus. Neun Monate haben diese Verhandlungen gedauert – das ist wahrscheinlich einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Am Ende stand der Tolerierungsvertrag im Juni 1984 und Börner wurde mit unseren Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt.
Im Oktober 1985 kamen sie dann in die Regierung. Joschka Fischer ist Umweltminister und Sie sind Staatssekretär im Umweltministerium geworden. Wie empfanden Sie diesen nächsten Schritt?
Das war auch ein zwiespältiges Gefühl. Auf der einen Seite hatten wir eine wichtige Etappe erreicht, und der Tatendrang, jetzt etwas zu machen, war groß. Auf der anderen Seite haben natürlich die Knie geschlottert, weil keiner zuvor auf der Ebene eines Ministeriums gearbeitet hatte. Und wir konnten ja nur wenige Getreue mitnehmen. Die anderen im Ministerium waren Personal, von denen wir nicht wussten, wie sie reagieren.
Wie sind Sie denn mit dem Beamtenapparat zurecht gekommen?
Sehr gut. Ich kam aber auch aus dem Öffentlichen Dienst und hatte kein absolut negatives Bild. Trotzdem hatte ich vorher nicht geglaubt, dass die deutschen Beamten so loyal sind. Es gab damals überhaupt keine Quertreiberei.

Sie waren also kein Rebell, der alles im Haus über den Haufen werfen wollte?
Nein, ich war immer auf Kooperationen eingestellt. Wenn aber jemand nicht kooperationswillig war, wurde natürlich auch angeordnet.
Und wie war die Zusammenarbeit mit den SPD-Kollegen im Kabinett und im Parlament?
Die war eigentlich ganz gut, natürlich von Person zu Person unterschiedlich. Wie das eben so ist. Es blieb bei der SPD sehr lange ein Gefühl der Niederlage. Man nahm es den Grünen übel, dass sie jetzt überhaupt im Parlament und später auch noch am Kabinettstisch saßen. Unterschwellig also eine Rivalität. Und dann kam auch noch einer wie Joschka Fischer, der plötzlich die Schlagzeilen bestimmte. Außerdem hatten die beiden Parteien damals eine sehr unterschiedliche Programmatik. Unterm Strich war jedoch die Atmosphäre trotz dieser Widerstände erstaunlich gut.
Gab es auch Neid, weil man der SPD Stimmen geklaut hatte?
Nicht nur Stimmen sondern auch Posten. Wir haben zwar nur ein Ministerium bekommen, aber zusätzlich das Sozialministerium sehr geschröpft.
Die Koalition ist 1987 schon wieder zerbrochen.
Wir waren uns über die Zukunft der Atomenergie nicht einig. Das war die offene Wunde und ging auf Dauer nicht gut. Die SPD verfolgte weiter den Ausbau und die Genehmigung von Atomanlagen und wir waren absolut dagegen. Und anstatt dass sich die SPD taktisch hinhaltend verhalten hätte, wie in der Zeit der Tolerierung, meinte nun Wirtschaftsminister Ulrich Steger, agieren zu müssen. Er wollte bei den Hanauer Atombetrieben endlich eine Genehmigung hinkriegen, ohne sich mit uns abzustimmen. Fischer hat sehr schnell gesagt, dann hören wir eben auf, wenn die SPD so einseitig vorgeht.
Wie groß war die Enttäuschung?
Wir waren von dem Minister-Kollegen sehr enttäuscht. Er hatte sich nicht mit uns zusammengesetzt. Auf der anderen Seite verstehe ich auch, dass die SPD zusammenhielt. Börner feuerte natürlich nicht seinen SPD-Minister.
Börner hat sich damit aber auch geschwächt.
Das war das Aus für ihn. Er hätte die Regierung retten können, aber er war eben pro Atomenergie.
Gab es bei den Grünen niemanden, der sagte, man müsse jetzt an dem Marsch durch die Institutionen festhalten?
Nein, an diesem Punkt gab es keine Kompromisse.
Wo sehen sie denn die Erfolge dieser Koalition?
Es war ja nur ein gutes Jahr und eigentlich braucht man soviel Zeit, bis man mit einem Ministerium überhaupt richtig arbeiten kann. Aber weil wir die Dinge damals schnell angegangen sind, haben wir einiges geschafft. Etwa in der Energiepolitik. Für das, was heute auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien passiert, wurde damals von uns der Grundstein gelegt. 1984/85 sagte man ja noch, was wollt ihr denn mit Wind und Sonne, die Sonne scheint doch hier kaum. Wir haben in Hessen trotzdem ein Millionenprogramm zur Förderung erneuerbarer Energien aufgelegt und die ersten Windanlagen in Vogelberg unterstützt. Wenn ich mich richtig erinnere, haben die Leute damals 50 Prozent Zuschuss zu ihrer Investition bekommen, und die Unternehmen bezahlten denen den normalen Einspeisepreis. Es gab hunderte Anträge. Die SPD hatte uns dieses Programm jedoch nur als Kompensation zugestanden, wegen der mangelnden Einigung bei der Atompolitik.
Bei den Wahlen 1987 bekamen die Grünen trotz des Bruchs der Koalition ein mit 9,4 Prozent viel besseres Wahlergebnis als 1983. Wurde die Partei damit für ihre Haltung belohnt?
Ja. Die Menschen haben gesehen, dass wir mit dem Ministerium etwas auf die Reihe bringen und dass wir nicht käuflich sind. Das hat man honoriert.
Damit hatten die Grünen auch das umgesetzt, was Cohn-Bendit von ihnen gefordert hat – sie haben Politik gemacht.
Ja, aber Politik haben wir natürlich schon seit 1983 gemacht.
Vielen Dank für das Gespräch
Karl Kerschgens wurde 1939 in Mariadorf, Kreis Aachen geboren. Nach dem Abitur 1959 in Alsdorf studierte er von 1959 bis 1963 katholische Theologie, Philologie, Pädagogik und Philosophie in Bonn und Freiburg.
Nach dem Wahlerfolg der hessischen Grünen bei der Landtagswahl 1982 wird Karl Kerschgens vom 1.12.1982 bis 4.8.1983 Landtagsabgeordneter und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen.
Im Dezember 1985 wird Karl Kerschgens Staatssekretär im neugegründeten Hessischen Ministerium für Umwelt und Energie. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die Industriemüllentsorgung, die Einführung der Biomülltonne im Rahmen eines neuen Abfallgesetzes und der Entwurf eines neuen Energiespargesetzes und dezentralen Energiekonzeptes.
Im Grünen Gedächtnis der Heinrich Böll Stiftung gibt es weitere Informationen über Karl Kerschgens.
1985-1987: Hessen, Die Grünen mit der SPD
1989-1990: Berlin, Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz mit SPD
1990-1994: Niedersachsen, Die Grünen mit der SPD
1990-1994: Brandenburg, Bündnis 90 mit SPD und FDP
1991-1999: Hessen, Die Grünen bzw. Bündnis 90/Die Grünen mit der SPD
1991-1995: Bremen, Die Grünen bzw. Bündnis 90/Die Grünen mit SPD und FDP
1994-1998: Sachsen-Anhalt, Bündnis 90/Die Grünen mit SPD von der PDS toleriet
1995-2005: Nordrhein-Westfalen, Bündnis 90/Die Grünen mit SPD
1996-2005: Schleswig-Holstein, Bündnis 90/Die Grünen mit SPD
1997-2001: Hamburg, Grüne Alternative Liste mit SPD
1998-2005: Bundesregierung mit SPD
2001-2002: Berlin, Bündnis 90/Die Grünen mit SPD von der PDS toleriert
seit 2007: Bremen, Bündnis 90/Die Grünen mit der SPD
2008-2010: Hamburg, Grüne Alternative Liste mit der CDU
2009-2011: Saarland, Bündnis 90/Die Grünen mit CDU und FDP
seit 2010: Nordrhein-Westfalen, Bündnis 90/Die Grünen mit SPD
Seit 2011: Baden-Württemberg, Bündnis 90/Die Grünen mit SPD
Hier geht es zu allen Episoden unserer Serie "Grüne Geschichte(n)".
Weitere Jahreszahlen und Grüne Ereignisse finden Sie in unserer Überblicks-Chronik.
Quelle Abb.: Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich Böll Stiftung