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30 grüne Jahre (19): Heinrich-Böll-Stiftung

Wie war es, als die Grünen in den Bundestag einzogen? Oder später regierten? Diese und andere prägende Meilensteine der Grünen Chronik werden hier in 30 Geschichten anlässlich unseres 30. Geburtstags in Erinnerung gerufen.

Grüne Denkfabrik

Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll ist der Namensgeber der Stiftung, auch wenn hier weder sein Nachlass gepflegt wird, noch Geld von ihm in der Arbeit steckt.
Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll ist der Namensgeber der Stiftung, auch wenn hier weder sein Nachlass gepflegt wird, noch Geld von ihm in der Arbeit steckt. Foto: Toni Richter

Ein Gastbeitrag von Vera Lorenz, Pressesprecherin der Heinrich-Böll-Stiftung

Was geschah am 18. November 1987 in Köln?

Am Buß- und Bettag traf man sich im Botanischen Garten, auf den Flora-Terrassen. Was nach konspirativem Treffen klingt, war die Gründungsversammlung der Heinrich-Böll-Stiftung. Der alten Heinrich-Böll-Stiftung, wie wir hier sagen. 23 Jahre später verbirgt sich hinter diesem Namen die grüne politische Stiftung in Berlin – zur Geschichte später.

Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll ist unser Namensgeber. Aber Böll ist nicht der Stifter, von ihm steckt kein Geld in unserer Arbeit. Wo kommen dann die Finanzen her? Es ist hier so wie mit allen anderen politischen Stiftungen in der Bundesrepublik (und solch ein System existiert kein zweites Mal auf der Welt). Der Staat gibt jährlich Geld an die politischen Stiftungen, damit sie Bildungsarbeit im Sinne der gesellschaftlichen Grundströmung machen, der sie nahe stehen. Derzeit sind es rund 40 Millionen Euro für die Heinrich-Böll-Stiftung. Und die Erbengemeinschaft Böll ist damit einverstanden, dass die grüne politische Stiftung den Namen des Schriftstellers trägt. Um das Erbe kümmern wir uns auch: Im Heinrich-Böll-Archiv in Köln arbeiten zwei Kollegen, ohne die es zum Beispiel die "Kölner Ausgabe" - 27 Bände Böll – bei Kiepenheuer & Witsch nicht gäbe.

Seminare, Kongresse, Publikationen in Print und Web - das ist der sichtbare Teil der Arbeit. Dazu kommen die Begabtenförderung des Studienwerks, die Weiterbildungsakademie Green Campus und das Archiv Grünes Gedächtnis. Wir unterhalten 28 Büros auf vier Kontinenten, arbeitet in fast 60 Ländern und mit 130 Projektpartnerinnen und Projektpartner zusammen.

Seit zwei Jahren hat die Stiftung ein eigenes Domizil im Herzen der Stadt, Schumannstr. 8, gegenüber dem Deutschen Theater. Ein Niedrigenergiehaus mit viel Durchsicht.
Seit zwei Jahren hat die Stiftung ein eigenes Domizil im Herzen der Stadt, Schumannstr. 8, gegenüber dem Deutschen Theater. Ein Niedrigenergiehaus mit viel Durchsicht (Foto: Jan Bitter).

Im Inland ist die politische Bildung zweigeteilt. Sie ist das Geschäft der Bundesstiftung und der 16 Landesstiftungen. Die föderale Struktur unterscheidet uns von der Ebert- und der Adenauer-Stiftung und den anderen.  Ralf Fücks und Barbara Unmüßig bilden den hauptamtlichen Vorstand, Geschäftsführerin ist Dr. Birgit Laubach.

Noch einmal zurück in die Geschichte, in die alte und die neue Heinrich-Böll-Stiftung und die anderen grünen Stiftungen:

Am 31. Januar 1983 reichte die Berliner Anwaltssozietät Schily, Becker, Geulen für die Partei „Die Grünen“ beim Bundesverfassungsgericht eine Organklage ein. Anlass war die Vergabe von Bundesmitteln an die parteinahen Stiftungen, eine Praxis, die nach Ansicht der Kläger eine indirekte Parteienfinanzierung darstellte. Gleichzeitig wurde kritisiert, dass Bundesmittel nur an die etablierten Parteien flössen, was gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes verstoße. Das Bundesverfassungsgericht erklärte in seinem Urteil, das 1986 erging, die öffentliche Finanzierung der parteinahen Stiftungen jedoch für rechtens, verlangte gleichzeitig aber auch die satzungsmäßige und organisatorische Unabhängigkeit der Stiftungen.

Das Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung kümmert sich um die Begabtenförderung.
Das Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung kümmert sich um die Begabtenförderung.

Nun mussten die Grünen entscheiden, ob sie überhaupt eine parteinahe Stiftung haben wollten. Dafür wurde am 24. August 1986 eine Stiftungs-Kommission eingesetzt. Allerdings gab es zu dieser Zeit außerhalb der Grünen bereits Vorschläge für eine grünnahe Stiftung. Es handelte sich dabei um die „Initiative zur Gründung der Heinrich-Böll-Stiftung“, um die „Frauenanstiftung“, das „Bewegungsmodell“ und das Modell der „Länder-Stiftung“. Letzterer Vorschlag ging aus einer Initiative mehrerer Länderstiftungen und alternativer Bildungswerke hervor.

Es dauerte dann noch zwei Jahre, bis die Grünen ihre eigene politische Stiftung hatten. Genauer gesagt ihre Stiftungen: Am 15. August 1988 erkannte der Bundesvorstand der Grünen den Stiftungsverband Regenbogen mit Sitz in Dortmund als die ihm nahestehende politische Stiftung an. Im Verband verbunden: die Frauenanstiftung in Hamburg, der Buntstift in Göttingen (als Dach der Landesstiftungen) und die Heinrich-Böll-Stiftung in Köln.

1996 beschlossen BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN, die genannten Stiftungen zu einer einzigen zu fusionieren, um das Profil ihrer politischen Arbeit zu stärken. So entstand die „neue“ Heinrich-Böll-Stiftung mit Sitz in Berlin, in den Hackeschen Höfen. Seit zwei Jahren hat die Stiftung ein eigenes Domizil im Herzen der Stadt, Schumannstr. 8, gegenüber dem Deutschen Theater. Ein Niedrigenergiehaus mit viel Durchsicht.

Die Heinrich-Böll-Stiftung verleiht den internationalen Petra-Kelly-Preis 2004 an Wangari Maathai, um ihre einzigartige Rolle in der afrikanischen Politik, ihr Engagement und ihr Lebenswerk zu würdigen.
Die Heinrich-Böll-Stiftung verleiht den internationalen Petra-Kelly-Preis 2004 an Wangari Maathai, um ihre einzigartige Rolle in der afrikanischen Politik, ihr Engagement und ihr Lebenswerk zu würdigen.

Kunst am Bau ist ein riesiger grüner Teppich auf einer riesigen Eingangstreppe, eine Mecklenburger Schafherde zeigend nebst Schäfer, Hund und schwarzem Schaf. Der Künstler Via Lewandowsky hat sie auch als Einladung gedacht - zum Ausruhen bei hitzigen Debatten.

Zukunftswerkstatt, Think Tank, Teil der grünen politischen Grundströmung – diesen Selbstanspruch wollen wir im Herbst 2010 mit Veranstaltungen, Publikationen und Web-Dossiers zu folgenden Themen einlösen:

Europas Osten, Mythen der Atomkraft, Argentinien als Gastland der Frankfurter Buchmesse, UN-Resolution 1325, Religiosität als progressive Politik, Das Erbe der 68er aus transatlantischer Sicht, Zeitzeuginnen der Einheit, Gemeingüter, Globale Krisen - Kohärentes Regieren, Aufstieg durch Bildung, Petra-Kelly-Preis an Marianne Fritzen und und und. Über die Veranstaltungen informiert ein monatlicher Newsletter.

www.boell.de

Jens Siegert, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau.
Jens Siegert, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau.

Exkurs: Die Arbeit eines der 28 Auslandsbüros

Das Russland-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung

Ein Gastbeitrag von Jens Siegert, Büroleiter

Russland ist keine Demokratie. Aber auch keine Diktatur. Die Menschen leben in Russland heute ungleich freier als früher. Russland fremdelt mit dem Westen. Ist aber auch nicht sein Feind. Russland war Jahrhunderte lang Imperium und muss nun, eher unwillig, Nationalstaat werden. Der Weg dorthin ist dornig und widersprüchlich. Ob Russland den Weg findet ist heute kaum zu sagen. Die Hardware in Form einer liberalen Verfassung gibt es, aber die Software, eine demokratische politische Kultur, der Glaube und das Vertrauen, dass Demokratie, Ökologie und Geschlechterdemokratie für Russland gut sind und hier auch funktionieren können, fehlen leider bei vielen Menschen.
Das Moskauer Büro der Heinrich-Böll-Stiftung, eröffnet 1999, arbeitet aber, wie kann es anders sein, vor allem mit Menschen und Organisationen zusammen, die wie wir daran glauben und danach handeln. Das sind in erster Linie NGOs aus dem ganzen Land. So hat sich im Laufe der Jahre ein dichtes und weiter wachsendes Partnernetz entwickelt.

Schon seit 1990 ist Memorial unser wichtigster Partner. Die oft schwierige und schmerzhafte Beschäftigung mit den dunklen Seiten der totalitären Vergangenheit, mit dem Gulag und dem stalinistischen Terror, den Menschenrechtsverletzungen in der Vergangenheit aber auch mit denen in der Gegenwart, wie zum Beispiel in Tschetschenien, sind die Voraussetzung für eine dauerhafte demokratische Entwicklung.

Gemeinsam mit Memorial und dem St. Petersburger Zentrum für Unabhängige Sozialforschung fördern wir junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich gleichzeitig in Nichtregierungsorganisationen engagieren. Außerdem unterstützt das Länderbüro ein längst schon nicht mehr kleines Klima-Netzwerk. Mit Journalistentrainings wird mehr Aufmerksamkeit und Wissen zum Thema Klimawandel geschaffen. In zahlreichen kleineren und größeren Veranstaltungen in vielen Regionen diskutieren unsere Partnerinnen und Partner über Gender-Stereotypen und Geschlechterdemokratie.

http://www.boell.ru

 

Hier geht es zu allen Episoden unserer Serie "Grüne Geschichte(n)".

Weitere Jahreszahlen und Grüne Ereignisse finden Sie in unserer Überblicks-Chronik.

Quelle Abb.: Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich Böll Stiftung

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