30 grüne Jahre (17): Grüne Jugend

Wie war es, als die Grünen in den Bundestag einzogen? Oder später regierten? Diese und andere prägende Meilensteine der Grünen Chronik werden hier in 30 Geschichten anlässlich unseres 30. Geburtstags in Erinnerung gerufen.

Jung, grün, stachelig

Der Igel, das Logo der Grünen Jugend.
Der Igel, das Logo der Grünen Jugend.

Eine grüne Jugendorganisation? Diese Idee erschien vielen GRÜNEN zunächst überflüssig – war man sich doch selbst jugendlich genug. Doch auch grünnahe Jugendliche waren lange auf Abstand zu den „Altgrünen“ bedacht. So gründeten sie zwar 1994 das bundesweite „Grün-Alternative Jugendbündnis“, doch erst seit 2001 ist dieses eine Teilorganisation von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Heute ist die GRÜNE JUGEND nicht nur Nachwuchs einer Partei, die längst kein Ein-Generationen-Projekt mehr ist; sie ist auch zur kritischen Impulsgeberin geworden – vor allem bei Themen, die Jugendlichen wichtig sind: Netzpolitik, Bildung, Klimaschutz und Drogenpolitik.

Tarek Al-Wazir über die Anfänge der Grünen Jugend

Tarek Al-Wazir, Fraktionsvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Hessischen Landtag.
Tarek Al-Wazir, Fraktionsvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Hessischen Landtag.

Ich bin 1989 Mitglied der Grünen geworden. Das war damals eine Phase, in der sich die „Altpartei“ so jung fühlte, dass es eine heftige Auseinandersetzung über die Frage gab: Brauchen wir eine Jugendorganisation oder nicht? Für die Partei war es schwierig, sich einzugestehen, dass eine neue Generation nachgewachsen war.

Zu dieser Zeit existierte schon der Grüne Jugendstammtisch in Frankfurt. Ich selbst komme aus Offenbach und habe die Frankfurter auf Landesmitgliederversammlungen getroffen. Wir haben dann eine Jugendkontaktstelle beim grünen Landesvorstand eingerichtet und im Frühjahr 1991 die Grüne Jugend Hessen gegründet. Wir waren der Meinung, es braucht eine eigene Organisation, einen eigenen Raum. Denn ein junger Mensch will ja nicht unbedingt zur grünen Kreismitgliederversammlung gehen, um sich dort mit Flächennutzungsplänen auseinanderzusetzen. Und wir wollten natürlich auch nicht immer auf unsere Lehrer treffen. Ich selbst war von 1992 bis 1994 Vorsitzender der Grünen Jugend in Hessen.

Damals wurde nach langem Kampf mit dem grünen Bundesvorstand auch eine Bundesjugendkontaktstelle eingerichtet und finanziert. Das Logo für diese Bundesjugendkontaktstelle (Kurzform Bujuks) hat mein Onkel Erhard gezeichnet, das war alles noch sehr handgestrickt. Als wir zum ersten Bundesjugendkongress einluden, kamen ziemlich viele Leute. Das war ein richtiges Aha-Erlebnis. Gerade weil es in dieser Zeit einen Abgesang auf DIE GRÜNEN gab. Im Bundestag waren ja nur noch die acht Abgeordneten vom BÜNDNIS 90 vertreten. Man sprach damals von einem Generationenprojekt, das sich überlebt hatte. Aber dieser Bundesjugendkongress war ein Beweis dafür, dass es junge Leute gibt, die das Projekt weitertragen wollen, denen die GRÜNEN wichtig sind.

Wir in Hessen haben dann die Gründung von anderen Landesverbänden unterstützt und mit dazu beigetragen, dass 1994 zum Gründungskongress des Bundesverbandes der Grünen Jugend in Hannover eingeladen wurde. An diese Gründungsversammlung habe ich schlimme Erinnerungen. Uns Organisatoren warf man vor, wir seien ganz böse Realos, die die Partei auf Regierungskurs trimmen wollen. Wir seien geil auf Abgeordnetenmandate und besorgten uns für dieses Vorhaben „Kampftruppen“. Am verrücktesten war der komplizierte Prozess der Namensgebung. Wir waren von Anfang an für Grüne Jugend, aber fast wäre es „Rosa-Luxemburg-Jugend“ geworden. Man beschloss schließlich mit knapper Mehrheit „Grün-Alternatives Jugendbündnis“, damit nicht irgendein Quatschname herauskommt, der das Wort „Grün“ gar nicht mehr beinhaltet. Mich hat dieser innerverbandliche Kampf genervt und heute muss ich sagen, ich vermisse nicht alle, die später ausgetreten sind.

Die Grüne Jugend hat in dieser Zeit schon allein damit ein Zeichen gesetzt, dass junge Menschen grünennahe Jugendverbände gründeten. Das hat bei den „Altgrünen“ etwas ausgelöst. Und natürlich die Tatsache, dass wir sie „Altgrüne“ nannten. Aber junge Menschen Anfang der 90er Jahre waren eben anders als die Gründungsmitglieder der Grünen Anfang der 80er Jahre. Doch letztendlich zeigte das Engagement der Grünen Jugend, dass DIE GRÜNEN eben viel mehr waren als ein Ein-Generationenprojekt.

Weil wir unsere Arbeit auch umsetzen wollten, kandidierten wir auch für die anstehenden Wahlen und zu unserer eigenen Überraschung wurden wir sogar gewählt. Matthias Berninger zog 1994 in den Bundestag ein, Ronja Perschbacher und ich kamen 1995 in den Hessischen Landtag. Mit unserer Nominierung durch die Altpartei sah man, dass es gewünscht war, wenn jetzt auch junge Leute Verantwortung übernehmen. Die Hessen haben diesen Weg konsequent fortgesetzt: Anna Lührmann, Omid Nouripour, Nicole Maisch waren oder sind im Bundestag, und in der hessischen Landtagsfraktion sind heute 5 Abgeordnete jünger als ich. Von denen haben nicht alle, aber etliche über die Grüne Jugend angefangen.

Heute finde ich die Grüne Jugend weiterhin wichtig, denn sie speist einen anderen Blick in die Debatten mit ein, die Politikprofis wie ich einfach nicht mehr haben können. Es würde uns etwas fehlen, wenn wir die Grüne Jugend nicht hätten. Trotzdem dachte ich schon manchmal, was habe ich da nur losgetreten. Vor allem in jenen Momenten, wenn ich das Gefühl hatte, dass die falschen Kandidaten positioniert wurden, bei den das einzige Kriterium das Alter und nicht das politische Talent war. Mit Grausen denke ich da zum Beispiel an die Kandidatur und Wahl von Ilka Schröder ins Europaparlament 1999...

Ich wünsche mir von der Grünen Jugend, dass sie nicht immer dem Reflex nachgibt, dass Jugend rebellisch gegenüber den „Alten“ zu sein hat, nicht immer „Verrat“ ruft, wenn ein Kompromiss gemacht wird und zu paradoxen Interventionen fähig ist…Ich kann mich zum Beispiel gut an das Gesicht von Fritz Kuhn erinnern, als wir in den 90igern forderten, dass der Staat jetzt endlich mal sparen sollte und nicht ständig neue Schulden machen dürfe. Er erklärte uns erst, dass das eine für junge Leute ungewöhnliche Forderung jenseits der politischen Realität sei….und dann hat er mal angefangen zu rechnen und es schließlich selbst vertreten.

Sechzehn Jahre nach ihrer Gründung im Januar 1994 ist die Grüne Jugend heute stärker denn je. Die Mitgliederzahlen liegen erstmals oberhalb der 8.000, zu den halbjährlichen Bundeskongressen kommen mittlerweile zwischen 400 und 500 Mitglieder, praktisch wöchentlich gründet sich eine neue Basisgruppe vor Ort. Egal ob in Brüssel, Berlin, in den Ländern oder den Kommunen vor Ort: Fast flächendeckend sind junge Grüne längst fester Bestandteil der grünen Vorstände und Fraktionen. Die vergangenen Wahlen haben immer mehr Abgeordnete aus der Grünen Jugend in die Parlamente gebracht.

Gesine Agena und Max Löffler über die Grüne Jugend heute

Gesine Agena, Sprecherin der Grünen Jugend von 2009 bis 2011.
Gesine Agena, Sprecherin der Grünen Jugend von 2009 bis 2011.

Seit der Entscheidung im Jahr 2001, offizielle Jugendorganisation der Partei Bündnis 90/Die Grünen zu werden, ist auch der Einfluss der Grünen Jugend in der Partei stetig gestiegen. Viele Debatten der letzten Jahre wurden nicht zuletzt aus Reihen der Grünen Jugend angestoßen. Das Konzept der grünen Bürgerversicherung, die Bewertung der grünen Regierungszeit in Sachen Friedens- und Sicherheitspolitik oder die Kontroverse über Grundeinkommen und Grundsicherung sind nur einige Beispiele dafür. Auch in strukturellen Fragen wie der innerparteilichen Demokratie oder der personellen Erneuerung und Verjüngung kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendverband und Altpartei.

Trotz der stärkeren Parteibindung ist die Grüne Jugend aber weiterhin eine unabhängige und eigenständige Organisation. Nur knapp die Hälfte der gut 8.000 Mitglieder sind gleichzeitig auch Mitglied der Mutterpartei, viele treten bewusst nur in die Grüne Jugend ein, da sie sich nicht an eine Partei binden wollen. Entsprechend unabhängig verläuft auch die Arbeit in der Grünen Jugend. Ein großer Schwerpunkt der Landesverbände und der thematischen Fachforen auf Bundesebene liegt auf der politischen Bildungsarbeit, also der Organisation von Seminaren, Workshops und inhaltlichen Veranstaltungen.

Max Löffler, Sprecher der Grünen Jugend von 2008 bis 2010.
Max Löffler, Sprecher der Grünen Jugend von 2008 bis 2010.

Angesichts der weit über tausend neuen Mitglieder in den letzten Monaten ist diese Bildungsarbeit, aber auch die kontroverse Auseinandersetzung mit Grundsatzfragen besonders wichtig für die Entwicklung des Verbands. Das Jahr 2010 steht für die Grüne Jugend denn auch ganz im Zeichen eines neuen Grundsatzprogramms. In Zeiten von globaler Klima-, Armuts- und Wirtschaftskrise und einer unpolitischen Politik der Sachzwänge soll es dabei wieder um Grundwerte und Visionen für grüne Politik und eine nachhaltige und solidarische Gesellschaft gehen. Die Grüne Jugend ist eben nicht die stromlinienförmige Kaderschmiede für die Parteikarriere, sondern ein Ort zur politischen Diskussion und für direkte Beteiligung ohne festgefahrene Strukturen und große Hierarchien.

Neben der Mitwirkung und Mitgestaltung bei Bündnis 90/Die Grünen und der innerverbandlichen Politik hat die Grüne Jugend in den letzten Jahren auch als Bindeglied zu den ökologischen und sozialen Bewegungen ein starkes Zeichen gesetzt. Ganz egal ob beim G8-Gipfel in Heiligendamm, bei diversen Castor-Blockaden, Genfeldbefreiungen, Anti-Nazi-Demos oder auf der Klimakonferenz in Kopenhagen – die Grüne Jugend ist ein aktivistischer Verband, der für seine Überzeugungen auf die Straße geht und auch die Partei immer wieder in Richtung der sozialen Bewegungen schiebt.

Mit den ständig steigenden Mitgliederzahlen, dem gelebten Aktivismus und den vielen jungen grünen Amts- und MandatsträgerInnen sind wir gespannt auf die erfolgreiche Zukunft der Grünen Jugend.


Weitere Infos zur Grünen Jugend unter: www.gruene-jugend.de
 

Hier geht es zu allen Episoden unserer Serie "Grüne Geschichte(n)".

Weitere Jahreszahlen und Grüne Ereignisse finden Sie in unserer Überblicks-Chronik.

Quelle Abb.: Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich Böll Stiftung

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