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Zur Kasse bitte

Herr Poppe-Salbach isst gerne Apfelkuchen und handelt mit Aktien. Die Mehrwertsteuer beim Bäcker ist für ihn Normalität und sie stört ihn nicht. Aber wenn er jetzt eine Finanzumsatzsteuer auf seine Börsengeschäfte bezahlen müsste, würde das seinen hochspekulativen Tageshandel gehörig verhageln.

20.05.10

Wenn Herr Poppe-Salbach drei Brötchen und ein Stück Apfelkuchen kauft, muss der Bäcker sieben Prozent des Verkaufspreises an das Finanzamt abführen. Will sich Herr Poppe-Salbach eine neue Couch und einen neuen Wohnzimmerschrank anschaffen, geht er ins Möbelhaus und bezahlt an der Kasse nicht nur den Preis für die Einrichtungsgegenstände, sondern auch 19 Prozent Mehrwertsteuer. Die Mehrwert- beziehungsweise Umsatzsteuer fällt immer dann an, wenn ein Produkt von A an B verkauft wird. Für Herrn Poppe-Salbach ist diese Steuer Alltag und ihn stört sie nicht.

Doch Herr Poppe-Salbach ist nicht nur Apfelkuchen-Liebhaber und Eigenheimbesitzer, sondern auch Aktienhändler. Der gute Mann liebt es, im großen Stil Anteile einzukaufen, die Kurse zu beobachten und schon nach wenigen Stunden die Aktien wieder zu verkaufen. Langfristige Investitionen in ein Unternehmen interessieren Herrn Poppe-Salbach nicht. Aktien sind für ihn berechenbare Kurven, nicht mehr und nicht weniger.

Stellt Herr Poppe-Salbach es geschickt an, werden aus einer Million Euro innerhalb von ein paar Stunden eine Million und 1.500 Euro. Er steckt diese 1.500 Euro in sein virtuelles Portemonnaie und freut sich. Denn von dem hin- und hergeschobenen Geld will niemand etwas haben. Der Handel mit Aktien ist in der Europäischen Union weitgehend steuerfrei. Das freut Herrn Poppe-Salbach, weil er dann am nächsten Tag ein noch größeres Stück Apfelkuchen kaufen und die Schrankwand schon noch ein paar Wochen wieder ersetzen kann, wenn er doch lieber ein anderes Modell hätte.

Weil es ungerecht ist, dass Herr Poppe-Salbach mit Geld spekulieren und Gewinne ohne Abzüge einstreichen kann, wenn doch sonst jedes Produkt mit einer Mehrwertsteuer belastet wird, sollte es auch eine Umsatzsteuer auf Finanzprodukte geben, finden wir GRÜNEN. Die grüne Finanzumsatzsteuer würde nicht nur auf Aktien sondern auf alle Geschäfte mit Finanzprodukten aufgeschlagen werden. So wird auch die Finanzbranche gerechter an der Finanzierung öffentlicher Ausgaben beteiligt.

Aber die Steuer hat noch einen zweiten positiven Effekt: Wenn unser Aktienhändler Poppe-Salbach kauft, verkauft, kauft und wieder weiterverkauft, würde bei jeder dieser Transaktion eine sehr geringe Steuerabgabe von beispielsweise 0,01 Prozent anfallen. Es wäre also für ihn nicht mehr so attraktiv, die Aktien nach wenigen Stunden wieder zu verkaufen, um auch noch die kleinsten Gewinne abzugreifen, weil er jedes Mal die Finanzumsatzsteuer auf den kompletten Betrag bezahlen müsste. Würde er also an 200 Tagen im Jahr eine Million Euro in Aktien jeweils kaufen oder verkaufen, müsste er auch jeden Tag die Finanzumsatzsteuer abdrücken. Lässt man die Gewinne bei diesen Geschäften aus den Augen, würden für Herrn Poppe-Salbach bei einem Satz von 0,01 Prozent auf das ganze Jahr bezogen 20.000 Euro an Finanzumsatzsteuer anfallen. Weil Herr Poppe-Salbach beim Daytrading, also Handelsgeschäften innerhalb eines Tages, auf sehr kleine Kursschwankungen wettet, kann es durchaus sein, dass er an diesen 200 Tagen mit einem Einsatz von einer Million Euro gar nicht mehr als 20.000 Euro Gewinn macht. Und dieser Gewinn würde sofort als Finanzumsatzsteuer einbehalten werden.

Würde er sein Geld dagegen einmalig für ein Jahr anlegen und dann seine Aktien wieder verkaufen, müsste er nur ein Mal 100 Euro Finanzumsatzsteuer zahlen. Herr Poppe-Salbach würde sich sicherlich sehr gut überlegen, ob er noch jeden Tag auf das Glücksspiel des schnellen Handels setzt, oder ob er sein Geld nicht lieber langfristig investiert. Und wenn viele Leute so handeln, wird kurzfristige und oft schädliche Spekulation wirksam begrenzt.

Auch Kleinanleger müssten sich nicht um ihre Rendite sorgen. Kauft jemand eine Aktie für 100 Euro für seine Altersvorsorge und hält diese 20 Jahre, bekäme er bei einer Rendite von nur zwei Prozent pro Jahr etwa 45 Euro über den gesamten Anlagezeitraum. Davon zahlt er nur eine Finanztransaktionssteuer von einem Cent (bei einem vorgeschlagenen Steuersatz von 0,01 Prozent). Damit liegt seine Steuerbelastung auf die Rendite bei weniger als 0,03 Prozent. Das macht deutlich, dass es eben gerade nicht Kleinsparer sind, die belastet werden.

Es gibt noch weitere Behauptungen über die negativen Folgen einer Finanzumsatzsteuer. Wir liefern für vier dieser Behauptungen Gegenargumente.

Technisch wäre die Finanzumsatzsteuer sehr leicht einzuziehen, weil alle Transaktionen an den Börsen elektronisch registriert werden. Mittels einer Software könnte die Steuer eingezogen und an die betreffenden Finanzbehörden weitergeleitet werden. Bei einem Steuersatz von 0,01 Prozent könnten laut dem österreichischen Wirtschaftsinstitut pro Jahr EU-weit 65 Milliarden Euro an Steuern eingenommen werden – das ist etwa die Hälfte des aktuellen EU-Jahreshaushalts. Ein kleiner Teil dieser Einnahmen müssten den Mitgliedsländern zur Verfügung gestellt werden, die sich für eine Finanzumsatzsteuer entscheiden – es wäre ein Anreiz, sich diesem System anzuschließen. Der größere Teil müsste aber in den EU-Haushalt fließen und zur Finanzierung der Europäischen Union beitragen.

 

ZUR GESCHICHTE EINER STEUER AUF FINANZPRODUKTE

Prof. Dr. Rudolf Hickel, Forschungsleiter Finanzpolitik an der Universität Bremen, schreibt in einer Stellungnahme zur „Öffentlichen Anhörung zur Finanztransaktionssteuer“ am 17. 5. 2010 in Berlin: „Die Idee einer Besteuerung eines von den produktionswirtschaftlichen Vorgängen abgespaltenen spekulativen Handels mit Finanzvermögen ist nicht neu. John Maynard Keynes, der erstmals systematisch die Triebkräfte und Folgen von Spekulationen analysiert hat, schlug im Rahmen seiner „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (1936) eine Besteuerung der Aktienumsätze vor. 1978 hat James Tobin eine Besteuerung des Devisenhandels mit dem Ziel gefordert, „Sand in das Getriebe“ dieses Handels mit spekulativen Finanzmarktprodukten zu streuen. Während 1991 die 1948 in Deutschland eingeführte Steuer auf Börsenumsätze abgeschafft wurde, gilt heute die britische „Stamp Duty“ (Stempelsteuer) mit 0,5 Prozent auf den Nennwert von Aktien als prominenter Beleg für die Machbarkeit einer nationalen Besteuerung von Spekulationsgeschäften (2006 ca. fünf Milliarden Euro Einnahmen).“

 

Das Ende der bloßen Vermutung - warum die Robin Hood-Steuer jetzt kommen muss!
Ein Kommentar von Barbara Unmüßig

Fotos:
Kuchen: mightymightymatze/flickr.com (CC BY-NC 2.0)
Bank: Leo Reynolds/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)
Börsensaal: Travel Aficionado/flickr.com (CC BY-NC 2.0)

 

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Börse, Bild von Tobias Leeger/Flickr

So einfach ist das nicht...

Wir haben uns vier Behauptungen über die Folgen der Finanzumsatzsteuer genommen und liefern hier Gegenargumente.

Europa-Puzzle, Foto von Marcus Boeckmann/Flickr

Für eine stärkere Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU

Die aktuelle finanz- und wirtschaftspolitische Situation der EU muss ein Warnzeichen für die Debatte über die neue Wirtschaftsstrategie "EU 2020" geben.

Frankfurter Börsensaal, Bild von Travel Aficionado/flickr.com (CC BY-NC 2.0)

Finanztransaktionssteuer in Europa einführen

Die grüne Finanztransaktionssteuer dämpft Spekulation, stabilisiert den Markt und belastet an der richtigen Stelle.

Eine Bank, Foto: keepwaddling1/flickr.com (CC BY 2.0)

Finanzprodukte besteuern

Eine Umsatzsteuer auf Finanzgeschäfte wäre gerecht und würde die Finanzmärkte stabilisieren, meint Gerhard Schick.

Kommentar

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Achim
21-01-12 14:04
@ Günther und Ludu

Nur leider ist der Finanzmarkt schon lange nicht mehr auf Aktien beschränkt. Schon lange beherrschen z.B. Währungstransaktionen oder Derivatgeschäfte den Markt. Eine Abgeltungssteuer auf Aktiengewinne betrifft also nur einen (mittlerweile) kleinen Teil der Gewinne der Finanzbranche.

Ich glaube, ihr habt keine Vorstellung davon, wie sich der Finanzmarkt in den letzten Jahren gewandelt hat. Wenn es nur Aktien gäbe hätten wir ja gar nicht dieses Bankenproblem. Aber heutzutage gibt es Banken, deren Buchwert ein Vielfaches eines europäischen Staates sein kann. (!!!) Das kommt daher, dass die Banken immer mehr und immer undurchsichtigere Geschäfte machen, und sich die Umsätze auf ein Niveau gesteigert haben, das vollkommen irreal überbewertet ist. Es gibt in der Finanzwelt so viel Geld, dass wenn man es auf einen Schlag ausgeben wollte, man schon lange gar keinen realen Gegenwert mehr hätte. Es sind alles Buchwerte, die durch irgendwelche mathematischen - rechtlichen Konstruktionen entstehen, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben.

Was die Politiker gerne verschweigen: Wenn man den ganzen Finanzmarkt in die Tonne kloppen würde, wäre die reale Welt völlig unberührt. Was sollte auch passieren, wenn weltweit ein paar Computer nicht mehr rechnen? Aus mehr besteht der Finanzmarkt nämlich nicht.

Es sind nur ein paar Bankencomputer, die rechnen. Sonst nix. Das angebliche Geld sind ein paar Zahlen, generiert von Maschinen. Das ist doch vollkommen irreal!!!!!
Günther
16-12-11 20:14
Wenn die angeblichen Finanzspezialisten der GRÜNEN solche falschen Beiträge schreiben muss man sich nicht wundern, dass bei der Politik dieser Partei bisher nur Unsinn geboren wurde. Wie schon gesagt zahlen Verkäufer automatisch mind. 26% Steuern auf Gewinne. Und dies hat der Autor wohlweislich verschwiegen. Ja Täuschen ist das Markenzeichen dieser Partei. Hartz IV , Öffnung der Finanzmärkte, Atomstrom nein - aber gegen alles sein, erst das Beamtentum abschaffen wollen ( s. Büttikofer 2005 und andere) und jetzt nach dem Beamtenwählerpotential gilt alles nicht mehr. Usw. usw.
Ludu
26-11-11 08:31
Also wenn ich Aktien mit Gewinn wieder verkaufe fällt für mich zumindest die Abgeltungssteuer von ca. 26% an. Frage mich warum das in diesem Zusammenhang nicht erwähnt wird ...und meines Wissens nach ist das in den meisten EU-Ländern auch der Fall (wobei die Sätze unterschiedlich hoch sind).
Diese ganze Diskussion um die Finanz-Transaktionssteuer ist in meinen Augen also nur wiedermal eine simple Steuererhöhung...
Achim
30-10-11 14:11
@schwachsin

"nur weil einer weiß wie man Geld macht, will man ihm nun alles wieder abknüpfen?..."

1. Schwachsinn schreibt man mit zwei n.

2. "Alles" wieder abknüpfen. Klar, es geht ja um "Alles". Das ist genau die Polemik die ich meinte.

3. Geld machen - ein Aktienhändler macht kein Geld - die Aktien sind alle völlig überbewertet, das Geld das an der Börse gehandelt wird hat gar keinen realen Gegenwert, deshalb bricht das System ja auch zusammen, wenn alle gleichzeitig verkaufen.

4. Geld machen - hat das für irgendjemand außer dem Geldmacher einen Wert? Worin liegt genau die Wertschöpfung vom Geld machen? Was hat die Gesellschaft davon? Ohne einen realen, von realen Firmen geschaffenen Gegenwert hat alles was an der Börse passiert überhaupt keinen Sinn.

5. Geld ist nur wertvoll, wenn man etwas damit kaufen kann. Mit Geld Geld zu machen ist ein Schildbürgerstreich erster Güte. Ich empfehle den letzten Teil der Serie "Per Anhalter durch die Galaxis", da wird schön beschrieben was aus Menschen wird die sich nur noch für Luftschlösser interessieren. Am besten fand ich die Stelle in der ein Bänker dazu rät, alle Bäume niederzubrennen um die Inflation einzudämmen, da die Währung aus Blättern besteht. Sehr anschaulich.
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