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Beim Bildungssystem sollten wir von den Strebern lernen. Deshalb haben wir mit einem gesprochen. Der finnische Bildungsexperte Prof. Jukka Sarjala im Interview

Professor Jukka Sarjala ist ehemaliger Leiter des finnischen Zentralamtes für Bildungswesen. Er hat das Buch „Jenseits von Pisa“ veröffentlicht und kennt beide Länder sehr gut: Den Sitzenbleiber Deutschland und den Klassenstreber Finnland.
Professor Sarjala, PISA offenbarte vor allem eins: Der Erfolg in der Schule ist in hohem Maße abhängig vom sozialen Hintergrund des Kindes. Diese Ungerechtigkeit ist in kaum einem anderen Land so groß wie in Deutschland. Woran liegt das?
Eltern aus besseren Verhältnissen sind sich des hohen Stellenwerts der Bildung bewusst. Sie konfrontieren ihre Kinder schon früh mit Bildung, indem sie ihnen beispielsweise Bücher vorlesen. Bei Kindern, die in schlechteren Verhältnissen leben, ist dies anders: Die Eltern interessieren sich nicht besonders für die Bildung ihrer Kinder. Man kann sagen, ihnen sind fast alle anderen Dinge wichtiger, da sie keine Beziehung zu dem Thema Bildung oder der Schule im Allgemeinen haben.
Spielt dieses Phänomen in Finnland überhaupt keine Rolle?
Natürlich. Auch das beste Schulsystem kann das nicht verhindern. Auch in Finnland haben die sozialen Verhältnisse einen Einfluss auf den schulischen Erfolg. Allerdings bin ich mir sicher, dass sich diese Situation in Finnland durch die Einführung der Gemeinschaftsschule vor rund 20 Jahren bald ändern wird, da die neue Elterngeneration mindestens neun Jahre Schule hinter sich hat - die meisten sogar zwölf. Sie sind sich bewusst, wie wichtig Bildung ist und werden sich stärker für die Schulkarriere ihrer Kinder interessieren als es Eltern vor 20 Jahren taten.
Die in Finnland vorgenommene Bildungsreform zugunsten längeren gemeinsamen Lernens ist also ihrer Meinung nach einer der Hauptgründe für die Leistungsfähigkeit des finnischen Schulsystems?
Ja. Aber lassen Sie mich Ihnen den Hintergrund erklären: Bis in die 70er Jahre war das finnische Schulsystem dem deutschen sehr ähnlich. Schüler wurden nach vier Jahren gemeinsamen Lernens in zwei Lager aufgeteilt: Eine Schulform war eher praktisch orientiert, die andere theoretisch und wissenschaftlich.
Welche Probleme entstanden dadurch?
Ein mehrgliedriges Schulsystem besitzt drei große Schwächen. Schüler müssen sich schon in sehr frühem Alter für die Form ihrer Ausbildung entscheiden. Das ist vollkommen unangebracht. Die Entscheidung über die berufliche Laufbahn eines Menschen kann nicht in so jungem Alter getroffen werden. Zweitens: Elementare Bildung kann nicht in zwei Lager aufgeteilt werden. Aus welchem Grund sollte man die essentielle Grundausbildung, die jeder Bürger benötigt, in so jungem Alter trennen? Wer entscheidet darüber, welchen Weg man einschlagen soll? Wer bitte? Und drittens: Diese Gliederung schafft ungleiche Voraussetzungen. Die Schaffung gleicher Möglichkeiten für alle ist wohl der Hauptgrund, weshalb die Schulreform in Finnland möglich und essentiell war.
Das Prinzip des längeren gemeinsamen Lernens ist also vor allem eine Frage der Gerechtigkeit?
Genau so ist es. In einer Demokratie halte ich es für unabdingbar, dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben und dass Menschen aus verschiedenen Schichten in einer Gesamtschule unterrichtet werden. Jeder Bürger, jeder Schüler hat das gleiche Recht auf Bildung, unabhängig davon, ob er aus einer ländlichen Gegend oder aus der Stadt kommt, die Eltern gut gebildet sind oder nicht, ob es einen Migrationshintergrund gibt oder nicht.
Was Deutschland also vor allem braucht, ist die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems in seiner derzeitigen Form?
Um die Frage mit einem Wort zu beantworten: Ja. Natürlich muss man sagen, dass Bildungspolitik immer abhängig von der jeweiligen Kultur des Landes ist. Jedes Land braucht folglich sein eigenes individuelles Schulsystem. Ich meine aber, dass Deutschland auf jeden Fall eine Schulreform braucht. Ich empfehle die Einführung der Gemeinschaftsschule.
Hierzulande sträubt sich vor allem das konservative Lager gegen die Einführung von Gesamtschulen. Sie fürchten eine Senkung des Gesamtniveaus und die Vernachlässigung besonders guter und begabter Schüler. Was sagen sie dazu?
Das kommt mir sehr bekannt vor. Das konservative Lager in Finnland hatte dieselben Bedenken. Sie hatten Angst davor, dass bessere Schüler unter den Schwächeren leiden. Hier weise ich allerdings auf die PISA-Studie hin. Sie spricht eine klare Sprache. Die Ergebnisse geben uns Recht.
Die konservativen Politiker unseres Landes müssen sich also keine Sorgen machen?
Nein, ganz und gar nicht.
Was sind die Erfolgsfaktoren, damit gemeinsames Lernen in einer Schule funktioniert?
Alles steht und fällt mit der Organisation des Schulsystems. Wichtig ist eine Vielzahl an Angeboten. Als Beispiel: In einem Klassenzimmer mit 20 Schülern sitzen 20 Individuen. Das heißt, es muss auch 20 individuelle Stundenpläne geben. Man kann Schüler nicht in zwei oder drei verschiedene „Schülertypen“ aufteilen, wie es derzeit noch in Deutschland praktiziert wird. Es muss gemeinsame Fächer geben, aber jedem Schüler muss auch viel Freiheit in der Gestaltung gewährt werden. Außerdem ist die Größe einer Klasse entscheidend. Eine Klasse mit 30 Schülern funktioniert nicht. Im Idealfall bilden 20 Kinder ein Klasse.
Die Begabtenförderung kann also auch in einem solchen Modell gesichert werden. Wie gehen sie mit schwächeren Schülern um?
Es ist wichtig, dass wir uns dessen bewusst werden, dass Schüler in manchen Fächern Probleme haben und deshalb Förderunterricht brauchen. In Finnland gibt es ein weit größeres Angebot an Förderunterricht als in vielen anderen Ländern. Förder- und Sonderpädagogik sollten in keiner Schule Fremdwörter sein. In Gemeinschaftsschulen profitieren die schwächeren Schüler zudem von den Besseren - im Gegensatz zu dem gegenwärtigen deutschen Schulsystem. Das ist auch wichtig für die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund. In einer Gemeinschaftsschule wird eine Trennung verhindert, wie sie in Deutschland durch die Hauptschulen zustande kommt.
Professor Sarjala, wenn sie ihre Reformerfahrung in Finnland zugrunde legen: Wie kann eine solch umfassende Schulreform auch in Deutschland gelingen?
Es braucht den Willen, in Bildung zu investieren und die Schulen zu Gemeinschaftsschulen umzustrukturieren. Auch in Finnland gibt es noch immer unbelehrbare konservative Politiker, die der Meinung sind, das alte Schulsystem in Finnland hat gut funktioniert. Trotzdem ist es notwendig, das Schulsystem an die moderne Gesellschaft anzupassen. Und das funktioniert meines Erachtens nur durch die Einführung von Gemeinschaftsschulen.
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system hier im konservativen Bayern nicht so schnell geändert. Hier wird die Meinung vertreten, daß sich jeder selbst der Nächste sein sollte, daß die Frau an den Herd gehört und daß die Frau die Hausaufgabenbetreuung machen sollte. In den vielen reichen Familien gerade auf dem Land ist das ja auch möglich. Aber keiner denkt an die noch zahlreicheren Familien, die in dieses Schema schon allein finanziell nicht passen. Schade!