back
next
ZurückDu bist hier:Partei

Licht und Schatten

Am 25. Juni bewertet ein außerordentlicher Grünen-Parteitag die schwarz-gelben Pläne zu Atomausstieg und Energiewende. In seinem Antrag nimmt der Bundesvorstand die insgesamt acht Gesetze unter die Lupe und kommt zu gemischter Benotung. Energiewende: "ungenügend", Atomausstieg: "befriedigend". Claudia Roth erklärt im Interview, warum.

17.06.11
Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

gruene.de: Werden BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN den Gesetzesvorhaben zu Atomausstieg und Energiewende zustimmen?
Claudia Roth: Wir betrachten die acht Gesetzesvorhaben der Bundesregierung differenziert: Beim Ausbau der Erneuerbaren Energien steht Schwarz-Gelb voll auf der Bremse, stattdessen sollen neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Deshalb werden wir den entsprechenden Gesetzen ohne substanzielle Veränderungen nicht zustimmen. Auch die unsinnige Kaltreserve, mangelhafte AKW-Sicherheit und den Weiterbau des geplanten Endlagers in Gorleben lehnen wir ab. Nach Fukushima wurde die schwarz-gelbe Bundesregierung nun aber von der Wirklichkeit in Richtung Wahrheit gezwungen. Hunderttausende, die seit Jahrzehnten gegen die Atomkraft kämpfen und in den letzten Monaten gegen die unsägliche Laufzeitverlängerung der Bundesregierung auf die Straße gegangen sind, haben Merkels Politik in ihre Schranken gewiesen: Sie muss die Laufzeitverlängerung komplett zurücknehmen, die sieben ältesten und unsichersten Reaktoren plus den Schrottreaktor Krümmel endgültig abschalten und auf unseren Druck hin für jedes AKW ein festes, endgültiges Abschaltdatum festlegen. Das ist ein wahnsinniger Erfolg der Anti-AKW-Bewegung und der vielen Menschen, die sich gegen die unverantwortliche und gefährliche Politik der Atomclique in Regierung und Industrie gewehrt haben. Und mit Verlaub, es ist auch ein großer Erfolg für uns Grüne. Klar ist: Das, was die Bundesregierung nun vorlegt, ist nicht der schnellstmögliche Ausstieg. Wir haben gezeigt, dass es möglich ist, wenn ab sofort die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden, bis 2017 in Deutschland sicher aus der Atomkraft auszusteigen. Aber jetzt, nach Fukushima, ergibt sich die Möglichkeit, vielleicht die einzige überhaupt, in einem breiten Parteienkompromiss den Ausstieg festzuzurren. Die dürfen wir nicht verspielen. Deshalb schlägt der Bundesvorstand nach intensiver Abwägung vor, der von Merkel vorgelegten Veränderung des Atomgesetzes, in der die Rücknahme der Laufzeitverlängerung, die Abschaltung der Altmeiler und feste Abschaltdaten für jedes einzelne Atomkraftwerk geregelt sind, zuzustimmen.

Und was wollt ihr ab 2013 beim Thema Atomkraft verbessern?
Wir werden sofort das überarbeitete Kerntechnische Regelwerk einsetzen und damit die Sicherheit der dann noch laufenden AKW erhöhen. Denn das ist doch der eigentliche Skandal: Die Bundesregierung lässt sich in einem sogenannten Stresstest nachweisen, dass die deutschen Atomkraftwerke nur ungenügend gegen Flugzeugabstürze gesichert sind, lässt dann aber die Sicherheitsbestimmungen auf dem laxen Stand, den sie im Herbst zusammen mit der verheerenden Laufzeitverlängerung beschlossen hat. Das werden wir ändern. Auch muss es endlich die ergebnisoffene, bundesweit vergleichende Suche nach dem bestmöglichen Standort für ein Atommüllendlager geben, und der Schwarzbau in Gorleben muss beendet werden. Und wenn der Ausstieg wirklich glaubwürdig sein soll, dann muss Deutschland damit aufhören, in anderen Ländern den Bau von Atomkraftwerken zu unterstützen. Deswegen werden wir Hermesbürgschaften für Atomkraftwerke im Ausland sofort stoppen. Außerdem müssen die Atomkonzerne stärker als bisher an den Kosten der Atomkraft beteiligt werden. Bislang läuft es doch so: Die Gewinne fahren die Konzerne ein, die immens hohen Folgekosten, siehe Asse, zahlen aber die Steuerzahler. Das ist doch völliger Irrsinn.

Wo sind sonst Nachbesserungen zwingend erforderlich?
Die schwarz-gelben Pläne zur Energiewende sind ein Totalausfall. Die Förderung von Windkraftanlagen an Land wird verschlechtert, die Energieerzeugung setzt auf zentrale Klimakiller-Kohlekraftwerke und nicht auf dezentrale Lösungen aus Erneuerbaren Energien. Bürgerbeteiligung beim Netzausbau sucht man bei den Gesetzesnovellen vergebens, das Energiesparen ist bei Merkel nicht mehr als eine freiwillige Schönwetterdisziplin, und ein Gebäudesanierungsprogramm, das Milliardenaufträge für Handwerk und Industrie bringt, wird nur zögerlich aufgestockt. Das zeigt, wie halbherzig und inkonsequent die schwarz-gelbe Bundesregierung die Energiewende anfasst. Diese Haltung kennen wir aus den letzten Jahrzehnten, da waren Union und FDP einfach echte Dagegenparteien, wenn es um die Förderung und den Ausbau der Erneuerbaren ging. Dabei muss doch jetzt das Ziel sein, so schnell wie möglich auf erneuerbar erzeugten Strom umzusteigen! Wenn aber weiterhin von 35 Prozent Ökostromanteil bis 2020 gesprochen wird, ist das nicht nur unambitioniert, sondern bedeutet auch faktisch eine Verlangsamung des Ausbaus der Erneuerbaren.

Wie wollen denn die Grünen die Energiewende beschleunigen?
Bis 2020 wollen wir einen Anteil von 40 Prozent der Stromerzeugung mit Erneuerbaren Energien abdecken – mit Windkraft auf Land und See sowie Solarstrom, nachhaltiger Bioenergie, Geothermie und nachträglicher Wasserkraft. Vorrang haben bei uns flexible, dezentrale, beteiligungsorientierte und klimaverträgliche Lösungen. Unsere Brückentechnologie für den Übergang sind flexible und effiziente Gaskraftwerke. Aber bei der grünen Energiewende geht es nicht nur um eine klimaverträgliche Stromerzeugung, sondern auch um Energiesparen und Energieeffizienz. Den Energieverbrauch wollen wir bis 2020 um 20 Prozent senken, das Gebäudesanierungsprogramm soll auf jährlich zwei Milliarden Euro erhöht werden, und wir fordern einen beschleunigten Netzausbau mit einer breiten Bürgerbeteiligung.

Werden denn die Grünen weiter gegen Atomkraft demonstrieren?
Wir kämpfen seit über 30 Jahren gegen Atomkraft und für die Energiewende. Auch wenn jetzt eine wichtige Etappe geschafft ist: Der Ausstieg ist erst dann Wirklichkeit, wenn das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet und das Atommüllproblem gelöst ist. Dafür sind wir Grüne der Garant, dafür kämpfen wir weiter, gemeinsam mit der Anti-Atom-Bewegung auf den Straßen und Äckern dieser Republik. Vor allem aber braucht es starke Grüne, um jetzt mit voller Kraft den kompletten Umstieg auf eine erneuerbare, dezentrale Energievorsorgung anzugehen. Deutschland kann eine solche grüne Energiewende als erstes Industrieland schaffen und damit ein Vorbild für andere Länder sein. Wir Grüne bleiben dafür die treibende politische Kraft.

 

BDK-Antrag des Bundesvorstandes, 17. Juni 2011

Energiewende in Deutschland – Grün geht voran

Die Zukunft gestalten: erneuerbar, effizient und energiesparsam - Die atomare Vergangenheit endgültig beenden

Teilen studiVZ meinVZ schülerVZ EmpfehlenVersendenKommentar schreiben
Am 25. Juni entscheiden die Delegierten

Außerordentliche BDK in Berlin

Am 25. Juni gibt es in Berlin eine außerordentliche BDK zum Atomausstieg.

Berlusconi Radioattiva Plakat auf Demonstration in Italien, Foto: Hidden Side/Flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Energia Nucleare? No grazie

Italiens Wähler haben in einem Referendum den Wiedereinstieg in die Atomkraft verhindert. Ein starkes Signal für den europaweiten Atomausstieg.

Claudia Roth im Interview

Wir prüfen bis aufs letzte Komma

Grüne Woche mit Claudia Roth: Über den schwarz-gelben Kabinettsbeschluss zum Atomausstieg und das Krisenmanagement bei der EHEC-Epidemie.

Erneuerbare Energien, Foto: bby_/flickr.com (CC BY-NC 2.0)

Energiewende bis 2050 ist möglich

Eine neue Studie zeigt, dass Erneuerbare Energien die Welt mit Strom versorgen können.

Video zur Zukunft der Energieversorgung

Die Zukunft ist erneuerbar

Bis 2050 können wir unsere Energieversorgung komplett von Kohle, Öl und Gas unabhängig machen. Wie das geht, zeigt dieses Video der Bundestagsfraktion über das grüne Energiekonzept.

Kommentar

Wir freuen uns auf Meinungen zu diesem Artikel. Bitte beachtet unsere Nutzungsbedingungen.
Die Kommentarfunktion dient nicht dazu, direkt mit uns Kontakt aufzunehmen oder Fragen zu stellen. Dafür haben wir ein Kontaktformular.



CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Es lebe das Atom
25-06-11 07:24
Ich sag nur JA zur ATOMKRAFT und nein zu GRÜN
Es lebe das Atom
25-06-11 07:12
Geht in eure höhlen zurück ihr Öko-Kommunisten

Ich sag nur JA zur ATOMKRAFT und nein zu GRÜN
Danny
22-06-11 23:52
Auf www.stroebele-online.de gibts einen Kommentar, dem ist nicht hinzuzufügen!
Flo
22-06-11 09:36
Ich halte die Vorgehensweise der Grünen für richtig, auch wenn vielleicht noch ein kleines bisschen mehr drin wäre.
Lieber habe ich jetzt einen rechtlich sauberen, endgültigen Ausstieg bis 2021 als weiter Unklarheit für alle.
Nur so werden zwingend notwendige Änderungen und Investitonen gleich angepackt und nicht wieder wertvolle Jahre vergeudet.

Letztendlich hat es (hoffentlich) Rot-Grün (oder Grün-Rot? :) ab 2013 in der Hand, durch gewisse Sicherheitsauflagen die Rentabilität der AKWs so zu reduzieren, dass das ganze beschleunigt wird und alte AKWs freiwillig früher stillgelegt werden. Das wird umso einfacher sein, je weiter der Netz- und EE-Ausbau bis dahin schon vorangeschritten ist.

Von dem her, liebe Grüne, macht weiter so und lasst euch von ein paar Fundis, die sich mal wieder verraten fühlen, nicht verunsichern. Realpolitik ist angesagt, radikale Alles-oder-nichts-Ideologien helfen niemandem.
Fukushima mahnt! Großdemos am Jahrestag, 11. März 2012.
Stop Acta! Warum wir das Anti-Piraterie-Abkommen ablehnen. Aktionstag am 25. Februar 2012.
Fragen und Antworten zur europäischen Schuldenkrise.
POLENS EINSTIEG IN DIE ATOMKRAFT STOPPEN!
Facebook, was weißt du über mich? Hol dir jetzt deine Daten zurück!
Atomausstieg einfach selber machen: Jetzt Stromanbieter wechseln
30 grüne Jahre = 30 grüne Geschichten
Hilf GRÜN beim Wachsen. Jetzt Mitglied werden!
Unterstütze Grün mit Deiner Spende
20 Dinge, die Du über Atomkraft wissen solltest
Freunde werden? Claudia Roth auf Facebook
Freunde werden? Cem Özdemir bei Facebook.
In welchen sozialen Netzwerken sind die Grünen zu finden?
Bundesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
RSS-Feeds abonnieren
Grüner Shop
Kanal Grün auf Youtube
Deine Daten gehören Dir! Datenschutz ist Bürgerrecht
Die Grünen bei twitter
Immer mit dabei - Meine Kampagne auf twitter