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Ökonomie ist von Kultur nicht zu trennen

Das herrschende Wirtschaftssystem ist historisch gewachsen und eine Zeiterscheinung. Es ist keine absolute Wahrheit, sondern kulturell bedingt und daher veränderbar. Wir Grünen sollten der Suche nach Alternativen eine Stimme geben.

Autorin: Eva Leipprand

Was ist die Grüne Erzählung? Diese Frage treibt uns um. Die Welt verändert sich rasant. An welchen Konzepten und Werten können wir festhalten, was müssen wir verändern? Was bedeutet zum Beispiel Freiheit im Umfeld neu aufgetretener Phänomene – der Datensammelwut der Konzerne, des Drucks der ökologischen Krisen? Die Grüne Erzählung handelt auch von Entwicklung und Veränderung unserer eigenen politischen Kultur.

Das Konterfei von Eva Leipprand.
Eva Leipprand Foto: © Eva Leipprand

Nicht ohne Grund steht der Begriff Erzählung/Narrativ zurzeit so hoch im Kurs. Er macht den kulturellen Hintergrund politischen Denkens und Handelns deutlich. In einer Erzählung werden Fakten nicht isoliert betrachtet, sondern in eine sinnstiftende Reihenfolge und Form gebracht. Deutung, Sinnstiftung und Formgebung sind kulturelle Akte. Sie können und müssen sich wandeln im Zuge der Veränderung der Lebensbedingungen. Was einmal richtig war, muss nicht immer richtig bleiben. Scheinbar absolute Wahrheiten müssen hinterfragt und entmythologisiert werden.

Die herrschende Wirtschaftstheorie ist nicht alternativlos

Dies gilt auch und in hohem Maße für die Ökonomie. In seiner Ökonomie von Gut und Böse erzählt Tomáš Sedláček die Geschichte der Ökonomie. Seine These: Ökonomie ist eine „kulturelle Erscheinung“. Im Lauf der Zeit haben unterschiedliche Kulturen, von Gilgamesch bis Adam Smith, unterschiedliche Wirtschaftssysteme hervorgebracht, je nach Lebensbedingungen und Wertesystem. Auch die heute vorherrschende Wirtschaftstheorie ist demnach keine absolute Wahrheit, sondern eine Zeiterscheinung, historisch geworden, erdacht und gemacht und kulturell bedingt. Die gute Nachricht: genau deshalb ist sie nicht alternativlos, sie ist veränderbar.

Allerdings fällt gerade den Ökonomen, wie es scheint, das Denken in Alternativen besonders schwer. Der Welt wandelt sich in ungeheurer Beschleunigung, die Endlichkeit des Planeten ist sichtbar geworden, die Krisen häufen sich, und trotzdem halten die Vertreter der Neoklassik (und diese bestimmen nach wie vor die öffentliche Diskussion) an ihren mathematischen Gleichungen und der Fiktion des homo oeconomicus fest wie an einer unumstößlichen Wahrheit. Längst gibt es Manifeste und Proteste von Wissenschaftlern und Studierenden; sie rufen nach einem Paradigmenwechsel, sie fordern mehr Vielfalt in der Theorie und die Einbettung ihres Faches in einen historischen und kulturellen Rahmen, bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

Eine neu orientierte Grüne Erzählung zur Ökonomie würde also schon aus der Fachrichtung selber Unterstützung erfahren. Was ist mit dem Konzept vom Grünen Wachstum – kann das die alten Denkstrukturen aufbrechen? Ich habe meine Zweifel. Der Begriff nimmt uns die Chance, Möglichkeit und Notwendigkeit eines kulturellen Wandels wahrzunehmen. Wir brauchen eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Denkmustern, die hinter dem Wachstumsmythos stehen, mit seiner einseitigen Überhöhung von Wettbewerb, Innovation, Konsum, Beschleunigung. Das ist keine zukunftsfähige Haltung zur Welt.

Der Suche nach Alternativen eine politische Stimme geben

Die Suche nach Alternativen ist längst im Gange, auf breiter Front, mit einem großen Reichtum an Ideen, nicht nur in unserem Land, auch weltweit. Nicht alles, was da gedacht und gesagt wird, muss und kann sofort in politisches Handeln umgesetzt werden. Ich würde mir aber wünschen, dass wir Grüne uns dieser Suchbewegung entschiedener als bisher öffnen und ihr auch eine politische Stimme geben. Die Transformation Richtung Nachhaltigkeit ist ein unübersichtlicher, komplexer Prozess; keiner kann sich anmaßen, jetzt schon genau zu wissen, wie er verlaufen wird. Umso kostbarer ist aber die Kreativität, die Energie, die sich in den unterschiedlichsten Initiativen in Wissenschaft und Zivilgesellschaft manifestiert. Wie können wir die Vorsorge für eine gute Zukunft künftiger Generationen zu einem großen gemeinsamen Projekt machen? Viele, die des Durchwurstelns müde sind, warten darauf, dass Grüne hier deutlicher als bisher in Führung gehen. Zukunftsfähige Politik braucht einen Resonanzraum in der Gesellschaft, und vielleicht ist da schon mehr, als wir glauben.