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Intelligent wachsen: Die grüne Revolution

Europa hat die Chance, zum Vorreiter der nächsten industriellen Revolution zu werden. Mit der Energiewende haben wir diesen Weg bereits eingeschlagen. Nachhaltiger Wohlstand durch intelligentes Wachstum, das ist die Antwort auf die ökologische und soziale Frage.

Autor: Ralf Fücks

#1 Nachhaltiger Wohlstand für alle

Das Konterfei von Ralf Fücks.
Ralf Fücks Foto: © Böll Stiftung

Vierzig Jahre nach dem Report des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ hat Wachstumskritik wieder Hochkonjunktur. So anregend die Debatte um „Wohlstand ohne Wachstum“ auch sein mag: sie blendet aus, dass wir erst am Anfang einer stürmischen Wachstumsperiode der Weltwirtschaft stehen. Angetrieben wird sie von den Bedürfnissen und Ambitionen von Milliarden Menschen, die auf dem Weg in die industrielle Moderne sind. Die globale Wirtschaftsleistung wird sich in den kommenden 20-25 Jahren glatt verdoppeln. Das ist eine gute und eine alarmierende Nachricht zugleich. Gut, weil damit längere Lebenserwartung, bessere Bildung und sozialer Aufstieg in großem Stil einhergehen. Alarmierend, weil eine Verdoppelung des Naturverbrauchs auf einen ökologischen Super-Gau hinausliefe. Das alte, ressourcenfressende und energieintensive Wachstumsmodell ist nicht steigerbar. Deshalb lautet die zentrale Herausforderung der kommenden Jahrzehnte, das globale Wachstum in eine grüne Richtung zu lenken. Im Kern geht es um eine Entkopplung von wirtschaftlicher Wertschöpfung und Naturverbrauch.

#2 Europa als Vorreiter

Auch in Europa schwimmt die Mehrheit der Bevölkerung keineswegs im Wohlstand. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Reserven vieler Menschen aufgezehrt. Damit alle ein Leben auf der Höhe ihrer Möglichkeiten führen können, braucht es nicht nur eine gerechtere Verteilung des Reichtums, sondern eine prosperierende Wirtschaft mit einer starken industriellen Basis. Der Weg aus der Krise führt über eine Innovationsoffensive, die Europa an die Spitze der ökologischen Modernisierung hievt.

#3 Aus weniger mehr machen

Nachhaltiges Wachstum erfordert eine doppelte Kraftanstrengung: die kontinuierliche Steigerung der Ressourceneffizienz sowie die weitgehende Dekarbonisierung der Ökonomie, also den Übergang zu erneuerbaren Energiequellen und Rohstoffen. Die Formel der Zukunft heißt: Aus weniger mehr machen. Künftig geht es darum, vor allem die Ressourcenproduktivität zu steigern. Ein wirkungsvoller Hebel ist die stärkere Besteuerung des Verbrauchs knapper Ressourcen. Im Gegenzug kann die steuerliche Belastung von Arbeitseinkommen reduziert werden.

#4 Investieren in die Zukunft

Die ökologische Transformation des Kapitalismus ist ein gewaltiges Innovations- und Investitionsprogramm: es geht um ressourceneffiziente Technologien, regenerative Energien, intelligente Stromnetze, neue Werkstoffe, Recycling, Elektromobilität, Modernisierung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, Umbau der Städte, CO2-Recycling, Urban Farming etc. Dagegen fallen in einer schrumpfenden Ökonomie auch die Investitionen, die Innovationsrate sinkt. Damit verlangsamt sich auch das Tempo des ökologischen Umbaus.

#5 Wachsen mit der Natur

„Zurück zur Natur“ ist für bald 9 Milliarden Menschen nicht möglich. Wir müssen vorwärts zu einer neuen Synthese zwischen Natur und Technik, einer neuen „Allianztechnik“ (Ernst Bloch). Die Formel dafür heißt „Wachsen mit der Natur“, intelligente Nutzung der natürlichen Produktivkräfte. Die grüne Vision ist eine Solargesellschaft, die ihre Energie und Werkstoffe weitgehend von der Sonne bezieht. Dazu gehört die technische Photosynthese - die Umwandlung von Sonnenlicht, Wasser und CO2 in biochemische Energie. Eine zweite Leitplanke ist der Übergang zu einer Kreislaufökonomie, in der jeder Reststoff wieder in den biologischen oder technischen Kreislauf eingeht.

#6 Grenzen des Wachstums, Wachstum der Grenzen

Die menschliche Zivilisation hängt an einem halbwegs stabilen Klima, an der Fruchtbarkeit landwirtschaftlicher Böden und an intakten Wasserkreisläufen. Insofern gibt es sehr wohl ökologische Grenzen des Wachstums. Der springende Punkt ist, dass aus diesen „roten Linien“ keine fixen Grenzen für die ökonomische Wertschöpfung (Wirtschaftswachstum) folgen. Was dem Menschen auf unserem Planeten möglich ist, wird nicht in erster Linie von geophysikalischen Faktoren bestimmt. Unsere allerwichtigste Ressource heißt Kreativität. Dazu gehört die Fähigkeit, Knappheitskrisen durch kulturelle und technische Innovationen zu überwinden.

#7 Die Natur als Gemeingut

Wir leben inzwischen im Anthropozän, dem Zeitalter, in dem der Mensch selbst zu einem mächtigen geologischen Faktor wird: Mensch macht Natur. Weil wir immer stärker in die Natur eingreifen, sind wir auch für sie verantwortlich. Lebenserhaltende Ökosysteme wie die Erdatmosphäre oder die Ozeane müssen unter gemeinschaftliche Verwaltung gestellt werden.

#8 Enthaltsamkeit rettet den Planeten nicht

Ökologische Verantwortung fängt bei uns selbst an. Es ist gut und richtig, weniger Fleisch zu essen, mit Rad oder Bahn zu fahren und keine Produkte zu kaufen, für die Menschen geschunden oder Regenwälder abgeholzt werden. Aber ein nüchterner Blick auf die Größe der ökologischen Herausforderung zeigt, dass sie mit dem Appell zur Genügsamkeit nicht zu lösen ist. Um das Klima zu stabilisieren, ist eine Halbierung der globalen CO2-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts nötig. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und der Hoffnung von Milliarden Menschen auf sozialen Aufstieg ist das nicht zu schaffen, indem wir uns zur Enthaltsamkeit verdonnern. Wir brauchen beides: einen ökologischen Lebensstil und die grüne industrielle Revolution

#9 Ökologie und Freiheit

Wer den Ausweg aus der ökologischen Krise in einer drastischen Reduktion von Produktion und Konsum sucht, landet früher oder später bei autoritären Konsequenzen: Wenn die Menschheit nicht freiwillig auf materiellen Komfort, geräumige Wohnungen, Autos und Flugreisen, Mode, importierte Lebensmittel, Mobiltelefone, Computer etc. verzichten will, muss sie dazu genötigt werden. Dann wird die Demokratie der Ökologie geopfert. Die Tendenz zum Öko-Autoritarismus ist schon im Report des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ angelegt. Dagegen gilt es die unverbrüchliche Allianz von Ökologie und Demokratie zu verteidigen. Statt auf Bußpredigten und Verbote sollten wir vor allem auf Eigeninitiative, Erfindungsreichtum und Unternehmergeist setzen.

#10 Wo bleibt die Moral?

Trotz (oder sogar wegen) der Exzesse der Finanzindustrie zeichnet sich ein neuer Trend zur moralischen Aufladung der Ökonomie ab: Fair Trade, Einhaltung sozialer und ökologischer Mindeststandards, Kritik der Massentierhaltung, Wiederverwendung statt Wegwerfökonomie, ethische Investmentfonds sind im Kommen. Zu diesem Langzeittrend gehört auch die Renaissance der gemeinnützigen Ökonomie: Genossenschaften, Ökonomie des Teilens (File Sharing, Open Source-Bewegung), nutzen statt besitzen (Car Sharing, Tauschportale im Internet).

#11 Akteure und Allianzen

Der Aufbruch in die ökologische Moderne gelingt nur im Zusammenwirken vieler Akteure:

  • Politik: sie muss die ökologischen Leitplanken für die Wirtschaft vorgeben und die Weichen in Richtung grüne Innovation stellen. Dazu gehört die ökologische Steuerreform, ein effektiver Emissionshandel, klare Prioritäten in der Forschungspolitik und bei öffentlichen Investitionen sowie ein Satz ordnungspolitischer Vorgaben: Grenzwerte, Recyclingquoten, Informationspflichten etc.
  • Zivilgesellschaft: Umweltbewegung, Verbraucherinitiativen, kritische Konsument/innen, kurz: die Macht des Skandals, der Bürger und der Kunden.
  • Wissenschaft: sie muss die Grundlagen für eine neue Generation von Technologien, Verfahren und Produkten liefern. Die Voraussetzungen sind gut: nie forschten so viele Wissenschaftler/innen an neuen Lösungen.
  • Unternehmen: die Zukunft gehört ökologisch innovativen, sozial verantwortlichen Unternehmen, die erkannt haben, dass Werte und Wertschöpfung zusammengehören.

#12 Die Wiederentdeckung des Fortschritts

Gerade in Zeiten großer Verunsicherung brauchen wir eine neue Idee vom Fortschritt. Die Endzeit des fossilen Industrialismus ist zugleich eine Gründerzeit für eine neue, grüne Ökonomie. Es geht darum, Begeisterung für die grüne Moderne zu wecken, deren Konturen sich bereits am Horizont abzeichnen. Die Geschichte des Fortschritts ist nicht am Ende. Wir müssen sie nur neu erzählen.

 

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 Foto: gruene.de (CC BY-NC 3.0)