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An Wachstumskritik wachsen

Es herrscht Aufbruchstimmung unter Wachstumskritiker_innen – die 4. Internationale Degrowth-Konferenz hat der Bewegung Selbstvertrauen gegeben. Für uns Grüne erwachsen daraus neue Herausforderungen – aber auch neue Chancen. Vier Thesen für die Programmdebatte „Wirtschaft und Wachstum“.

Autor: Daniel Constein

Mehr als 3000 Menschen nahmen vom 2. - 6. September an der Degrowth-Konferenz auf dem Campus der Universität Leipzig teil. Das Organisationsteam hatte die Anmeldung bereits einen Monat vor Beginn der Konferenz schließen müssen. Der Stimmung vor Ort tat die große Zahl an Gästen keinen Abbruch. Im Gegenteil: das Gefühl für die Relevanz der eigenen Ideen und Projekte war vielerorts deutlich spürbar. Eine konstruktive Debattenkultur durchzog die gesamten fünf Tage. In vielen Diskussionen und Workshops ließen sich so Brücken schlagen zwischen verschiedenen Strömungen, Organisationen, politischen Gruppen, praktischen und theoretischen Ansätzen. Die Konferenz ließ ein neues Bild der wachstumskritischen Bewegung entstehen: sie ist vielseitiger, positiver und größer als gedacht.

Was bedeutet das für uns als Partei und die Debatte um „Wirtschaft und Wachstum“? Ich möchte darauf mit vier Thesen antworten:

1. Mit der „wachstumskritischen Wende“ stellt sich die Frage nach Grüner Authentizität neu

Die vergangenen Jahre zeigten: Teile der Zivilgesellschaft und Wissenschaft haben ein kritischeres Bewusstsein entwickelt für die Schranken unserer Produktions- und Konsumweise. Zu Recht, nimmt man die vielen jüngeren Erkenntnisse um die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten und die fatale Wirkung des Rebound-Effekts ernst. Hinter diese wachstumskritische Wende in der ökologischen Debatte gibt es schlicht kein zurück. Wer heute trotzdem für die Verträglichkeit von Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit wirbt, erntet daher zunehmend Unverständnis und Enttäuschung. Dieser Frust gilt auch uns, die wir zuletzt den Gospel der Vereinbarkeit fleißig mitpredigten. „Wachstum der Grenzen“ statt „Grenzen des Wachstums“ - es fand eine Umkehr urgrüner Überzeugungen statt. Hinzu kam die raumgreifende Erzählung einer „Grünen Industriellen Revolution“, deren Technikoptimismus kaum Platz lässt für alternativ-grüne Visionen einer zukunftsfähigen, gerechten Gesellschaft. Unsere Glaubwürdigkeit leidet darunter, dass wir nun selbst den Pelz waschen, aber nicht nass werden wollen.

Das ist ein Problem der Tonlage, sicher. Aber es offenbart auch eine Lücke im Programm: wir haben den Stimmen einer Suffizienzpolitik, die ressourcenleichte Lebensstile fördert, bisher kaum Gehör geschenkt. Der ermüdende Alltag zwischen Energiewende-Revision und Effizienzrichtlinie scheint uns für neue ökologische Impulse blind werden zu lassen. Wir drohen, die wachstumskritische Wende zu verschlafen und mit ihr die erweiterte Klaviatur nachhaltiger Politik. Wir müssen lernen, sie zu spielen - im Wissen, dass es neue, schlagkräftige Antworten auf die ökologische Krise braucht und aus Achtung unserer grünen Wurzeln.

2. Um Wachstumskritik politisch zu nutzen, müssen wir die Motive dahinter anerkennen

Englische Wortneuschöpfungen wie „Degrowth“ bringen nicht jeden Tag 3000 Menschen an einem Ort zusammen. Das Programm der Konferenz fiel also offenbar auf fruchtbaren Boden. Man kann den starken medialen Widerhall von „Konsumverzicht“, „Entschleunigung“ und „Weniger ist Mehr“ in den letzten Jahren als Ausdruck dieser Stimmungslage lesen. Hinter diesen Schlagwörtern steht die Sorge, dass wir es mit Ressourcenverbrauch, Leistungssteigerung und Ökonomisierung übertrieben haben. Eigentlich sind es gleich zwei Bedenken: Auf individueller Ebene die alltäglich gewordenen Erfahrungen von Prekarität und Burn-Out, die die Suche nach lebbaren Auswegen dringlicher machen. Und auf der gesellschaftlichen Ebene die Misserfolge im Umgang mit europäischer und Klimakrise, die die Zweifel am wirtschaftlichen Entwicklungsmodell wachsen lassen. Die begriffliche Klammer „Degrowth“ schafft es aktuell, diese beiden Perspektiven zu vereinen: die persönliche Suche nach einem Guten Leben jenseits von Konsum und Erschöpfung; und den Wunsch nach einer Gesellschaftsform, die ein Gutes Leben für alle weltweit ermöglicht. Als Partei sollten wir dieses Begehren nach einer anderen Moderne ernst nehmen. Erst dann wird es uns gelingen, es als argumentatives Fundament für Grüne Politik zu nutzen.

3. Die wachstumskritischen Suchbewegungen können ein neues Grünes Selbstverständnis begründen

Wie kann Grüne Politik nach der wachstumskritischen Wende aussehen? Klar ist: Der Wachstumsbegriff selbst wird ambivalent bleiben – ihn einfach zu negieren und fortan alles kleiner werden zu lassen, wäre politisch naiv und zwecklos. Wirtschaftswachstum und -schrumpfung sind statistische Effekte vieler Entscheidungen in Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Beide als Mittel oder gar als Ziel zu propagieren, ist verkürzend und unlogisch. Das müssen Wachstumsbefürworter wie -opponenten gleichermaßen zur Kenntnis nehmen. Was aber ist dann unser Ziel, wenn nicht die Jahrzehnte-alte Story vom Immer-mehr? Welche Entwicklung sollten wir anstreben, wenn die Zeiten des Wachstums in der industrialisierten Welt sowieso vorbei sind? Wachstumskritiker_innen suchen unter diesem Eindruck nach einer neuen Erzählung dessen, was wir als Gesellschaft erreichen können. Für uns als Partei ist diese gesellschaftliche Neuorientierung eine Chance.

Sie zeigt sich beim Blick auf die Schwachstellen im wachstumskritischen Diskurs. Auf der Degrowth 2014 machten viele Veranstaltungen praxisnahe solidarische Wirtschaftsformen und nicht-kommerzielle Alternativen der Lebensgestaltung zum Thema. Den Grenzen des Wachstums Taten folgen lassen: diesem Ruf folgen tatsächlich unzählige Projekte und Menschen an vielen Orten. Sie versuchen sich an einer Neubestimmung ökonomischer und lebensweltlicher Realität. Je näher der Praxis, desto geringer jedoch meist das Verständnis für die Rolle, die Parteien und NGOs als Transmissionsriemen in die Politik spielen können und müssen. Sinnbildlich dafür steht die Gruppe von Stadtgärtner_innen, die über die Mangoldernte auf kommunalen Brachflächen hinaus nicht viel wissen will von den politischen Rahmenbedingungen dieser und anderer gelebter Freiheiten jenseits von Konsum und Verwertung.

Hier sehe ich unsere Aufgabe als Partei: zu argumentieren, dass diese Projekte nur aus der Nische kommen und ein Gutes Leben für Alle nur machbar ist mit den richtigen politischen Weichenstellungen. Eine neue Erzählung dieser Art ließe sich in etwa so zusammen fassen: „wir Grünen kämpfen für ein Recht auf Gutes Leben“. Wie viel mehr Legitimation lässt sich aus einer positiven, visionären Selbstbeschreibung wie dieser schöpfen, als durch die grün-angestrichene Exekution von Wachstumszwängen? An anderer Stelle habe ich versucht, dieses Narrativ ausführlicher zu beschreiben.

4. Wachstumkritische Politik kann eine Blaupause für parteiübergreifende Reformprojekte sein

Es wäre natürlich falsch, der Degrowth-Bewegung in Gänze fehlenden politischen Willen zu unterstellen - es existieren viele Vorschläge aus dem Kreis wachstumskritischer Denker_innen. Sie eint ihr Wunsch nach ressortübergreifendem Denken, nach grundsätzlichen Lösungen und nach einer demokratischen Offenheit jenseits der Kommerzialität. Beispielhaft dafür stehen Forderungen nach einer umfassenden Ökosteuerreform inkl. Ökobonus, nach einer Reduzierung und Umverteilung von Arbeitszeit, nach einem Ausbau von Regionalgeldsystemen und nach einem Abbau ökologisch schädlicher Subventionen.

Bei genauerem Hinsehen lässt sich erkennen: vieler dieser Vorschläge sind nicht neu. Einige ließen sich sogar parteiübergreifend diskutieren; Stichwort (Arbeits-)zeitpolitik - nicht nur uns ist das ein Anliegen. Eine „Allianz für mehr Zeit“ aus SPD (siehe Schwesig-Vorstoß), der Linkspartei, zivilgesellschaftlichen Bündnissen und gar einigen Gewerkschaftsvertretern ist durchaus vorstellbar. Oder wie wäre es mit einer neuen Enquete-Kommission über wachstumsunabhängigere Modelle eines neuen Generationenvertrags? Auch angesichts des demographischen Wandels würden sich wohl nur wenige dieser Debatte verschließen können. Von niedrigschwelligen Maßnahmen wie etwa einer Verlängerung von Garantiezeiten bei Konsumprodukten oder technischen Standards gegen geplanten Verschleiß ganz zu Schweigen. Eine Liste dieser Vorschläge ließe sich fortsetzen – sie bilden einen machbaren Pfad in eine Welt jenseits des Wachstums. Haben wir die Courage, ihn zu gehen?

Mein Fazit aus Leipzig

Degrowth ist bunter, selbstbewusster und mehrheitsfähiger als gedacht. Das muss uns als Partei zu denken geben. Ignorieren wir die wachstumskritische Wende, kappen wir die Verbindung zu unseren eigenen ökologischen Wurzeln und verlieren den Anschluss an unser Kernmilieu. Ein Schulterschluss hingegen brächte Auftrieb für das Grüne Projekt einer anderen, lebenswerteren Moderne.